Interview mit Ruby Rebelde
- Samson Grzybek
- Köln
Ruby, drei Dinge, die Menschen über dich und deine Arbeit wissen sollten. Was wären diese?
1. Ich habe spät mit Sexarbeit angefangen, da war ich schon über dreißig. Sexarbeit ist die Arbeit, die ich am Längsten in meinem Leben mache. Meine Einstellung zur Sexarbeit ist ziemlich instrumentell. Ich halte nichts davon, Lohnarbeit so ideologisch aufzuladen, es ist für mich weder per se Gewalt, noch feministisches Empowerment, sondern es sichert einfach mein Überleben in einer kapitalistischen und patriarchalen Gesellschaft.
Stattdessen plädiere ich dafür sich wirklich genau anzuschauen, was findet da statt und wie lassen sich die Bedingungen konkret verbessern. Ich bin genervt davon, Sexarbeit derzeit ständig verteidigen zu müssen, denn lohnarbeiten macht mich nicht glücklich, sondern kostet mich Kraft. Wahrscheinlich geht es doch den meisten so? Und doch ist die Sexarbeit auch nach 15 Jahren immer noch die Arbeit, die mir Raum für‘s Schreiben und politische Arbeiten lässt, die mich nicht kaputtmacht, wie die vielen anderen Sachen, die ich im Laufe meines Lebens bereits für Geld gemacht habe (Ställe ausmisten, Reiseleitung, Küche unter anderem). Nur will das kaum jemand hören.
2. Tief eintauchen ist mein Ding, ich liebs einfach Dingen auf den Grund zu gehen, auch wenn das nie ganz befriedigend ist. Leider reicht meine Zeit nicht für viele Deep Dives. Aber ich nehme mir gern ein Thema vor und zerlege es, um es von unterschiedlichen Seiten zu betrachten. Umso mehr bedauere ich es, dass die Themen mit denen ich mich gut auskenne, z.B. Sexarbeit, Marginalisierung und Diskriminierung, derzeit in Medien und Politik so unsachlich und reißerisch besprochen werden. Es fehlt Raum dafür, komplexe Themen unter Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven zu besprechen und Argumente, Sichtweisen und Emotionen auszutauschen. Ja, auch Emotionen“. Hinter in „In Ruhe und sachlich diskutieren“ verbirgt sich allzu oft, Emotionen zu bestrafen, und in erster Linie trifft das diejenigen, die sexarbeiten, marginalisiert sind und diskriminiert werden. Zeitgleich rate ich davon ab, sich nur von Emotionen leiten zu lassen. Doch es gibt oft irgendeine Person, die sich berufen fühlt, Deinen Ton zu kritisieren, wenn Du Minderheitenstress erlebst, ums Überleben kämpfst, oder Diffamierungen zurückweist.
Von uns, den Getroffenen von Diskriminierungen, gesellschaftlichen Ausschlüssen und Verdrängung wird stoische Gelassenheit erwartet, und das obwohl wir uns seit gefühlt immer erklären und verteidigen müssen, während manche leichthändig eine Welt ohne uns fordern. Ich bin sachlich UND ich bin wütend. Das ist kein Widerspruch.
3. Mich zerreißen manchmal Widersprüche: ich wünsche mir Rückzug, ziehe ich mich zurück, fühle ich mich einsam. Ist Partystimmung angesagt, hätte ich es gern leiser und gehe heim, um mir dann zu wünschen, ich wäre geblieben und hätte mit allen gefeiert. Habe ich Stress, sehne ich mich nach Ruhe, bin ich im Urlaub an einem einsamen Ort, weiß ich nicht immer etwas mit mir anzufangen. Was mir dann hilft ist, eine ausgiebige Radtour, mich treiben lassen und irgendwo ankommen, neugierig etwas ausprobieren oder ausgiebig meine Katzen kuscheln. Leute sagen über mich, ich sei immer sehr busy und das stimmt auch. Aber im Grunde wünsche ich mir einfach ein gutes Leben ohne Anfeindungen und Erklärungszwänge, und dafür bin ich bereit mich einzusetzen. Das ist mein Motor.
Wenn du an das Gesundheitssystem denkst – was sind deiner Meinung nach die größten Herausforderungen für Sexarbeitende?
Sexarbeitende sind im Gesundheitssystem mit Voreingenommenheit, Vorurteilen, teils offener Ablehnung konfrontiert. Sage ich zu einer Ärzt*in, was ich arbeite, dann fallen danach oft Sätze, wie:
- Vielleicht sind ihre Beschwerden ja psycho-somatisch?
- Schlafen Sie genug, wieviel Alkohol trinken Sie?
- Nehmen Sie Drogen?
- Vielleicht tut ihnen „das“ nicht gut???
Wenn mir das passiert, einer Person mit deutschem Pass, dann möchte ich nicht wissen, was meinen Kollegis mit Flucht- und Migrationsgeschichte passiert, wenn sie in solche Situationen kommen.
In den letzten 15 Jahren erlebte ich medizinisches Gaslightung und richtig fiese Sachen, wurde mit einer doppelseitigen Lungenentzündung zwei Mal abgewimmelt, weil die Hausarztpraxis mich für eine Querulant*in hielt. Sie wussten kaum etwas von mir, aber schon, dass ich Sexarbeit mache. Als ich erwähnte, dass ich bei einem Hustenanfall ohnmächtig geworden war, entgegnete die Ärzt*in: „Schlafen Sie sich mal aus.“ Darauf entgegnete ich, dass ich seit Tagen nur im Sitzen schlief, weil meine Lungen so schmerzten und seltsame Geräusche machten. Ihre Antwort: „Vielleicht tut ihnen ja „das alles“ nicht gut?“ Sie wies mich ab, kurz darauf wollte sie mich dann ins Krankenhaus einweisen lassen, als ich schließlich endlich eine Diagnose bekam, die sie zuvor mehrfach vom Tisch gewischt hatte. Ich glaube, sie war befangen und nahm mich nicht ernst. Erst später begriff ich, dass sie wohl meine Arbeit mit Nachtarbeit und einen „ungesunden Lebenswandel“ verknüpft hatte.
Outen wir uns, sind wir scheiß vulnerabel, denn das Gesundheitssystem ist in der Regel sehr diskriminierend und abwertend zu uns. Das macht es schwer, gute medizinische Versorgung zu erhalten.
In deiner Arbeit sprichst du viel über Vorurteile gegenüber Sexarbeitende, du bist selbst in der Antidiskriminierungsarbeit tätig. Welche Strukturen wirken auf Sexarbeitende?
Sexarbeitsfeindlichkeit durchdringt alle Strukturen unserer Gesellschaft. Schau Dir an, welche Worte Menschen nutzen, wenn sie andere beschimpfen: sehr viele Beleidigungen,
wie z.B. H*renkind oder Schl*mpe, etc. haben sexarbeitsfeindliche Komponenten, doch kaum eine Person realisiert das. Sondergesetzte sperren uns aus bestimmten Gebieten aus, Banken und Versicherungen können uns als Kund*innen ablehnen, soziale Plattformen löschen unsere Profile, wenn wir uns nicht selbst zensieren.
Medien verarbeiten uns zu Clickbait, statt ihre Arbeit zu machen, zum Beispiel zu recherchieren nicht, wie vernetzt und verbreitet sexarbeitsfeindliches Gedankengut ist. Selbst vor unseren engsten Bezugspersonen können wir nicht gefahrlos über uns und unsere Arbeit sprechen, überall lauern Pathologisierung, Bevormundung oder sogar schlimme Sanktionen auf uns. Ich erwarte nicht, dass alle Menschen meiner Arbeit gegenüber neutral gegenüber stehen, aber diese Vorverurteilung kostet unglaublich viel Kraft und verhindert, dass wir wichtige Herausforderungen und bestehende Probleme.
Diese Strukturen, die hat nicht eine Person sich ausgedacht, die sind das Ergebnis von jahrhundertealtem Stigma. Dieses Stigma, das teilen wir mit vielen anderen, die uns aber auch oft zurückweisen und ablehnen. Die Angst sich an uns zu „beschmutzen“ ist allgegenwärtig und verhindert Support, Solidarität und gemeinsame Widerständigkeit.
Wie betrachtest du die medialen Diskurse zum Thema Sexarbeit? Vor allem in der Betrachtung der letzten Jahrzehnte, hast du da besondere Veränderungen feststellen können?
In Deutschland ist die mediale Berichterstattung über Sexarbeit und Menschenhandel ausgesprochen verzerrt. Ich bin ganz gut nach Österreich und in die Schweiz vernetzt und beobachte die Berichterstattung zu diesen Themen auch in den genannten Ländern.
In deutschen Presseberichten kommt das Wort Sexarbeiter*innen oder Sexarbeit mittlerweile kaum noch vor, obwohl es eine Selbstbezeichnung ist. Unsere Selbstbezeichnung wird einfach ignoriert, vom Tisch gewischt. Stattdessen nutzt man abwertende Begriffe, die viele Sexarbeitende für sich ablehnen („Prostituierte“, „Liebesdame“).
Medienschaffende unterscheiden äußerst selten zwischen Sexarbeit und Menschenhandel, sie nutzen einfach das Wort „Prostitution“ für alles und nehmen die entstehende Begriffskonfusion billigend in Kauf.
Zur Erklärung, das vergleichbar damit, dass in einem Medienbericht kein Unterschied zwischen einer regulären Pflegekraft und einer zutiefst ausgebeuteten 24h-Assistenz gemacht würde, wie wir sie oft in der häuslichen Alten – und Krankenpflege antreffen. Das sind leider oft Personen ohne Arbeitsvertrag, festem Stundenlohn oder Arbeitszeitkonto, die Missbrauch und Ausbeutung erleben. Niemand würde von ihnen generell auf Pflegekräfte rückschließen, und natürlich gibt es auch bei deren Arbeitsbedingungen Verbesserungsbedarf, das ist klar. So ist es auch bei Sexarbeit. Sex für Geld zu haben ist nicht per se Zwang, aber es gibt verbesserungswürdige Aspekte und die besprechen wir nicht, weil das derzeit gar nicht möglich ist.
Dazu gehört auch: Gibt irgendeine anti-sexarbeitsbewegte Person mal wieder irgendeinen Quatsch von sich, geben Medienschaffende das unkritisch wieder, statt es zu hinterfragen: Toller Stoff für Überschriften, das alles geht zutiefst auf unsere Kosten.
Die deutschen Medien blicken fast ausschließlich nach Schweden, wenn sie sich ungefragt unseren Kopf zerbrechen, wie unsere Zukunft aussehen soll. Belgien, das vor mehr als zwei Jahren Sexarbeitende entkriminalisiert hat, kommt in der Berichterstattung fast nicht vor. Dort geht es nur um Schweden, Schweden, Schweden.
Begonnen hat der Verbots-Spin 2013 mit dem „Appell gegen Prostitution“ in einem Magazin das ich hier bewusst nicht namentlich nenne, und seitdem ist es mit der Berichterstattung zum Thema kontinuierlich bergab gegangen.
Für diese Form der Nicht-Berichterstattung, die geifert und kräht, habe ich 2022 den Begriff Prostitutionstheater entwickelt.
Das Prostitutionstheater umfasst bestimmte Mechanismen, Tendenzen und Zuspitzungen, die das Thema Sexarbeit medial beinahe unbesprechbar in Deutschland gemacht haben.
Was muss sich an der Gesundheitsversorgung konkret ändern?
Ich sehe viel Unwissen, Scham und strukturelle Probleme. Überall sind die Praxen voll, auf Termine musst Du sowieso schon ewig warten. Wenn nun Sexarbeitende in diesem ohnehin überlasteten System noch zusätzlich besondere Bedürfnisse haben, sich kaum trauen, offen zu sprechen und oft einfach mies behandelt werden, dann gibt es dafür keine einfachen Lösungen.
Dieses Jahr durfte ich mit Sexualmediziner*innen und Medizinstudent*innen an einer akzeptierenden Haltung gegenüber Sexarbeitenden arbeiten. Spannenderweise geht es in solchen Situationen nicht mehr hauptsächlich um uns Sexarbeitende, sondern vielmehr um diejenigen, die später einmal medizinische Verantwortung tragen. Abbau von Vorurteilen, Diskriminierung und Stigma fängt eben bei jeder*m selbst an.
Was könnten Ärzt*innen, Therapeut*innen oder Pflegepersonal besser machen?
Sich selbst gut beobachten, wäre ein erster Schritt. Was macht das mit mir, wenn die Patient*in mir offenbart, dass sie Sexarbeit macht? Was brauche ich für eine professionelle Haltung, die weder bevormundet noch abwertet? Wann projeziere ich eigene Themen auf die Patient*in?
Wissen hilft sicher weiter, aber Wissen ist nicht alles. Verlernen setzt voraus, dass ich merke, wenn ich nicht mehr ergebnisoffen mit einer Person verfahre.
Was sollte es darüber hinaus für Veränderungen geben?
Deutschland hat eines der kompliziertesten Gesundheitssysteme, die es weltweit gibt. Schon wer sich in Deutschland überhaupt wie krankenversichern kann, füllt Bücher und gerade Menschen aus Drittstaaten, Geflüchtete, arme und/oder chronisch kranke Menschen werden deutlich benachteiligt.
Es gibt flächendeckend zu wenig Angebote für Menschen ohne Krankenversicherung, ganz zu schweigen von Notunterkünften oder bezahlbarem Wohnraum.
Sexarbeiter*innen haben durchaus individuelle gesundheitliche Bedarfe, aber im Grunde betreffen uns auch alle die Dinge, die in dieser Gesellschaft nicht gut laufen und zwar oft in höherem Maße als durchschnittlich.
Du möchtest mit Queermed in Kontakt treten?