Pathologisierung bezeichnet den Prozess, bei dem menschliche Vielfalt — Körper, Identitäten, Orientierungen oder Verhaltensweisen — als Krankheit, Störung oder Defizit definiert wird, obwohl sie kein medizinisches Problem darstellen. Der Begriff ist zentral in queerer, feministischer und intersektionaler Gesundheitskritik, weil viele queere und trans* Lebensrealitäten historisch medizinisch falsch eingeordnet wurden.
Beispiele:
- Homosexualität galt bis 1992 im ICD der WHO offiziell als psychische Erkrankung.
- trans* Identitäten wurden jahrzehntelang als „Störung der Geschlechtsidentität“ klassifiziert.
- intergeschlechtliche Körper wurden als „Fehlbildungen“ bezeichnet.
- Nicht-binäre Identitäten existierten in medizinischen Systemen lange überhaupt nicht.
Pathologisierung hat reale Folgen: Sie führt zu Zwangsbehandlungen, Stigmatisierung, Diagnosezwang, rechtlichen Nachteilen und diskriminierenden Versorgungsstrukturen. Viele trans*, inter* und queere Menschen mussten (und müssen) psychische Diagnosen über sich ergehen lassen, um zu bekommen, was sie brauchen — z. B. Hormontherapie, Personenstandsänderung, medizinische Eingriffe oder sozialrechtliche Anerkennung.
Pathologisierung bedeutet nicht einfach „Diagnose“, sondern ein strukturelles Machtverhältnis:
Medizin entscheidet, welche Körper und Identitäten legitim gelten — und welche als „abweichend“.
Im ICD-11 wurde ein großer Schritt gemacht:
- trans* Identitäten sind nicht mehr unter „psychische Störungen“, sondern unter „Gender Incongruence“ in einer eigenen Kategorie geführt.
- Intergeschlechtlichkeit wird zunehmend entpathologisiert — allerdings nicht vollständig.
Pathologisierung ist aber nicht nur ein historisches Thema. Auch heute zeigt sie sich:
- trans* Menschen müssen teilweise stereotype Geschlechtsrollen „performen“, um Zugang zur Versorgung zu erhalten.
- inter* Kinder werden weiterhin medizinisch „korrigiert“, ohne dass eine medizinische Notlage besteht. Mit “korrigiert” wird eine nichtkonsensuelle Geschlechtsangleichende Operation gemeint. Das heißt, es wird über die Kinder hinweg entschieden und eine Geschlechtszuordnung festgelegt. Damit werden dann auch Operationen getätigt, damit nach außen hin “ein eindeutiges Geschlecht” zu sehen ist.
- Therapeut*innen deuten queere Identität mitunter als „Ursache“ psychischer Probleme.
Eine diskriminierungssensible Versorgung setzt Entpathologisierung voraus — ein Prozess, der nicht nur die Diagnosesysteme betrifft, sondern Haltung, Sprache und Machtstrukturen in der Medizin.
Weiterlesen:
- WHO: ICD-11 Dokumentation
- “Benachteiligung von Trans*Personen, insbesondere im Arbeitsleben” von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes