Interview mit Felicia Ewert

Felicia, drei Dinge, die Menschen über dich und deine Arbeit wissen sollten. Was wären diese?

Meine Arbeit zielt nicht auf generelle ‘Akzeptanz’ und ‘Respekt’ gegenüber queeren Menschen ab. Das mag für viele erst einmal verwirrend wirken. Wünschen wir uns doch alle als die Menschen, die wir sind akzeptiert und respektiert zu werden. Da kommt aber bereits der Knackpunkt. Wenn wir beides nicht zu unseren Bedingungen bekommen, sondern ein bestimmtes, eng gefasstes Bild erfüllen sollen, dann ist das weder Respekt, noch Akzeptanz. 

Meine Arbeit besteht aus grundsätzlichem Hinterfragen und Zerlegen gewaltvoller Ausbeutungs- und Geschlechterverhältnisse.
Ich selbst arbeite mit viel Ironie. Ich kehre die bestehenden Verhältnisse in Wort und Schrift um. Das
erzeugt zunächst mal oft Unverständnis und Ablehnung.

Menschen, die selbst nicht queer sind, fühlen sich kurzzeitig in eine Position versetzt ihr eigenes Geschlecht und Sexualität nicht mehr als ‘Den Normalzustand’ zu sehen.

Dadurch bemerken viele erstmal, dass auch sie selbst diskriminierende, stark eingegrenzte zweigeschlechtliche Einstellungen mit sich herumtragen. Ich hoffe hierdurch, das Bewusstsein bei Leuten schaffen zu können. Viele Leute sind irritiert, dass ich sie adressiere. In ihrer Überzeugung gehören sie selbst zu ‘den Guten’. „Ich habe nichts gegen queere Menschen“, ist so ein üblicher Satz, der mir entgegengebracht wird. Bereits im nächsten Satz wird aber selbstverständlich von ‘normalen Menschen’, ‘biologischer Weiblichkeit’ und ‘den echten Namen von trans* Personen’ gesprochen. Diese große Masse von Menschen hat keinerlei böswillige Absicht. Dennoch festigen sie täglich starre Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität. Da setze ich an. Bei einem Rechtsradikalen weiß ich mit wem ich es zu tun habe. Der macht das offen, während eine große Masse an Menschen diese offene Feindlichkeit ablehnt und trotzdem weiterhin die Welt in Rosa und Hellblau einteilt, aber ‘es nicht böse meint’.

Wenn du an das Gesundheitssystem denkst – was sind deiner Meinung nach die größten herausforderungen für trans* menschen?

Wir werden konstant zu einem Ausnahmezustand verklärt. Jede neue medizinische Praxis ist ein neues Outing und damit Hürde und Gefahr. Wir wissen vorab nicht auf was für Menschen wir treffen. Nehmen sie uns ernst, behandeln sie uns als die Menschen, die wir sind. Behandeln sie uns überhaupt, denn auch das ist keine Selbstverständlichkeit. Manche Praxen schicken uns auch weg, weil sie behaupten nicht für uns zuständig zu sein. Oft zeigte sich auch hier bei mir keine offene Feindlichkeit, aber viel Erklärungsbedarf, abwarten, Augenrollen und wieder erklären. 

Mediziner*innen sind die Expert*innen, aber eben nicht für die Kategorie Geschlecht. Zumindest nicht aufgrund ihres Studiums.
Das eckt an und sie fühlen sich sehr oft in ihrer Kompetenz herabgewürdigt. Tatsächlich ist es für sie ein gewisser Angriff der eigenen Machtposition, wenn ich in meiner Arbeit Geschlechternormen zerlege. Für das Gesundheitswesen, wie auch in allen anderen Bereichen kommen Rassismus, Ableismus, Queerfeindlichkeit, Misogynie zusammen. Menschen werden nicht ernst genommen, oder ihnen wird gesagt sie würden übertreiben. Du bist in einem völligen Abhängigkeitsverhältnis. Einfach eine andere Praxis suchen ist leichter gesagt als möglich. Da geht der Zirkus wieder von vorne los. Als trans* Personen haben wir oft genug vor Mediziner*innen und Psycholog*innen ebenso bestimmte, eng gefasste Rollen zu erfüllen. Wir müssen uns oft stereotyp weiblich bzw. männlich präsentieren, um überhaupt anerkannt zu werden. Was das im Einzelnen genau heißt, wird in keinem Katalog festgehalten, sondern hängt vom Sexismus-Level der jeweiligen Ärzt*innen ab. Auch, wenn alles gut läuft, die innere Anspannung bleibt, das wir Sprüche und Abwertung erleben. 

In deiner Arbeit sprichst du viel über Sprache und Macht. Was hat das mit medizinischer Versorgung zu tun?

Mediziner*innen begreifen sich oftmals als Expert*innen für geschlechtliche Belange. Wenn ich einer Ärztin den Namen eines Organs nennen, statt es per se in ‘männlich / weiblich’ einzuteilen und Ablehnung, Unverständnis und eine gönnerhafte Art der Überlegenheit daraus folgt, dann haben wir noch einen ordentlichen Stiefel an Arbeit vor uns. So wie ich offen sage, dass ich keine Expertin für die Funktion einzelner Organe bin, müssten mehr Mediziner*innen mal von ihrem hohen Ross herunterkommen und anerkennen, dass sie meistens wenig Ahnung von den sprachlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Aspekten von Geschlecht haben. Aber das würde man halt Restanstand nennen. Das muss man halt wollen. Eine ärztliche Untersuchung ist ohnehin meist von Machtverhältnissen geprägt. Intersektionen, also menschliche Lebensrealitäten und Diskriminierungserfahrungen aus Race, Klasse, Geschlecht und Behinderung kommen dann noch erschwerend hinzu. Wenn ich aufgrund erlebter Gewalt medizinische Untersuchungen vermeide, oder ganz unterlasse, kann das lebensbedrohlich werden.

Das Gesundheitswesen sollte für Menschen da sein. Und zwar nicht nur, wenn sie weiß, heterosexuell, cis, männlich, körperlich und psychisch gesund, nicht behindert und reich sind. Ich sehe die völlige Überforderung von medizinischem Personal im Kapitalismus.

Ich würde mir wünschen, wir mehr Bewusstsein für diese Verhältnisse und Kämpfe gewinnen. Für die
Verhältnisse im Gesundheitswesen bezahlen wir alle. Gleich ob Patient*in, oder Personal.

Wie nimmst du die sogenannte „trans* Gesundheitsversorgung“ in Deutschland – also z. B. Transition-bezogene Angebote, psychologische Gutachten oder auch Hormonversorgung wahr?

Für mich war das damals absolute Selbstrecherche. Hören-Sagen, Ausprobieren, irgendwo reinstolpern. Ich wollte 2015 eine Haarentfernung beginnen und habe mehr zufällig erfahren, dass einer der beiden Ärzte Endokrinologe und Gutachter im TSG-Verfahren war. Da hatte ich glücklicherweise einen kleinen Volltreffer gelandet, weil ich von ihm Gutachten, Laserbehandlung und Hormonersatztherpie bekam. Glück, das wie so oft eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Eine endokrinologische Praxis außerhalb größerer Städte zu finden, kann schwierig werden. Der Beginn meiner Hormonersatztherapie dauerte dennoch, mit anderthalb Jahren Wartezeit recht lange. Das hing von der sogenannten ‘Begleittherapie’ ab, bis hier die Indikation gestellt wurde. Alles kann variieren und was bei einer Person absolut schleppend ablief, kann bei einer anderen Person völlig einfach gegangen sein. Das kommt im Gesundheitswesen bei vielen Menschen vor, allerdings ohne erstmal ihre komplette Persönlichkeit und sexuellen Beziehungen offenzulegen.

Was muss sich an der Gesundheitsversorgung konkret ändern?

Den Menschen als Individuum und nicht als ‘Fall’ zu betrachten. Ich sagte bereits, dass ich um die Verhältnisse des Gesundheitswesens im Kapitalismus weiß. Ich sehe die Belastungen für das Personal, aber eben auch für die Menschen, die drauf angewiesen sind. Und das sind wir alle. Personal muss queersensibel geschult werden. Viele Begriffe sind veraltet und verkörpern jahrzehntealtes Denken und Überzeugungen, verpackt im weiß bekittelter Unfehlbarkeit. Auf eine Anfrage diesbezüglich warte ich seit Jahren vergeblich. Stattdessen dürfen wir bei vielen Besuchen kostenlose
Aufklärungsarbeit leisten. Wir sind auf Wohlwollen und respektvollen Umgang angewiesen, aber wissen vorher nicht auf was für Menschen wir treffen. Währenddessen erleben wir so viel respektvollen Umgang in medizinischen Bereichen, aber es sollte nicht in unser Risiko sein, erstmal herausfinden zu müssen, ob medizinisches Personal uns menschlich behandelt, oder eben nicht. 

Verwirrung, keine Berührungspunkte und eine gewisse Unbeholfenheit, sind überhaupt nichts schlimmes. Das passiert. Aber darüber wird oft vergessen, dass wir Menschen und keine Bildungsautomaten sind, die zu jeder Zeit umfassende Aufklärung abliefern können, oder wollen. Wie immer geht es um ein systematisches Problem und nicht um individuelle Befindlichkeiten. Institutionelle Macht und starre Geschlechternormen müssen begriffen, hinterfragt und Stück für Stück zerlegt werden. Das ist nichts was einzelne Menschen schaffen können. Dennoch braucht es den Willen einzelner Menschen diesen Weg zu beschreiten. Ich bin dabei, du auch?

Du möchtest mit Queermed in Kontakt treten?

Impression aus dem Queermed Geburtstag 2024