Diskriminierungsarme Pflege für alle
- Sara Grzybek
- Köln
Wer steht hinter Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt® und seit wann gibt es euch?
Das Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt®-Programm gibt es seit 2017. Wir sind ein Team aus sechs Mitarbeiter*innen der Schwulenberatung Berlin gGmbH sowie fünf Mitarbeiter*innen des Projektes Vielfalt Pflegen (g2 Organisationsentwicklung GmbH).
Was war die Motivation dieses Projekt ins Leben zu rufen?
Die Idee entstand aus der Community und ihren Bedarfen. In der Fachstelle LSBTI*, Altern und Pflege der Schwulenberatung gibt es einen wöchentlichen Gesprächskreis für ältere schwule und bisexuelle Männer. Dort kam das Thema Pflegebedürftigkeit auf und die damit verbundene Frage: Welche Orte der pflegerischen Versorgung sind sensibilisiert für LSBTI*?
Seit 2012 gibt es von der Schwulenberatung Berlin in Berlin-Charlottenburg ein Mehrgenerationenwohnhaus für LSBTI*, das unter anderem eine Pflege-Wohngemeinschaft für schwule und bisexuelle Männer umfasst. Die Nachfrage nach Plätzen war enorm – auch von Menschen außerhalb Berlins, die gerne in das Haus und die Pflegewohngemeinschaft einziehen wollten.
Der Bedarf zeigt, es braucht bundesweit weitere sensibilisierte Orte. So entstand die Idee, Kriterien für einen Standard an Sensibilität für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu entwickeln. Nach diesen Kriterien können sich seit 2018 stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen, ambulante Hospizdienste, (teil‑)stationäre Hospize und Krankenhäuser zertifizieren lassen.
Im Jahr 2023 wurde das Programm erweitert und umfasst seitdem zusätzlich den Schwerpunkt (post‑)migrantische Vielfalt und berücksichtigt auch weitere Vielfaltsdimensionen. Durch die Zertifizierung können Pflegeempfänger*innen, Klient*innen, die Wahlfamilie und Angehörige erkennen, welche Einrichtungen für ihre Bedarfe sensibilisiert sind. Auch Mitarbeiter*innen profitieren von den verbesserten Strukturen.
Evaluationsergebnisse des Programms zeigen eine Steigerung des Wohlbefindens und der Zufriedenheit von Mitarbeiter*innen.
Wie sieht der Zertifizierungsprozess aus?

Der Qualifizierungs- und Zertifizierungsprozess für das Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt® erstreckt sich über 9 bis 12 Monate und umfasst mehrere zentrale Schritte.
- Vorbereitung:
- Durchführung eines Diversity-Checks als Selbsteinschätzung (diesen findest du hier)
- Einführendes Infogespräch
- Unterzeichnung der Vereinbarung
- Beratung:
- Zwei Beratungstage vor Ort
- Besprechung des genauen Zertifizierungsablaufs
- Qualifizierung:
- Ein umfassender Organisationsentwicklungsprozess
- Fortbildungen für Mitarbeiter*innen, Anpassungen im Qualitätsmanagement
- Regelmäßige Feedbackschleifen mit dem Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt®-Team
- Check-In Gespräch zum Austausch über den aktuellen Status, Herausforderungen und Fortschritte im Zertifizierungsprozess
- Begutachtung:
- Begehung der Einrichtung vor Ort
- Prüfung sensibler Dokumente
- Gespräche mit Mitarbeiter*innen und Klient*innen
- Siegelverleihung:
- Nach 9 bis 12 Monaten wird das Qualitätssiegel verliehen
- Übergabe des Prüfberichts
- Rezertifizierung alle drei Jahre
Die Qualifizierung und Zertifizierung ist kostenfrei. Das Programm wird vom PKV-Verband gefördert.
Wie wird das Thema eurer Meinung nach in der Aufklärung repräsentiert?
Das Interesse an Diversität in der Gesundheitsversorgung nimmt stetig zu. Inzwischen gibt es vermehrt diversitätsbeauftragte Personen in Einrichtungen. Trotzdem fehlt es oft an Sichtbarkeit und Sensibilisierung für Vielfalt und es gibt weiterhin viele Widerstände.
Obwohl Vielfalt zunehmend in den Fokus rückt – etwa durch Fachtage zu LSBTI in der Pflege* werden verschiedene Diversitätsmerkmale oft getrennt voneinander betrachtet, anstatt intersektional gedacht zu werden.
Wie ist die bisherige Resonanz zu eurem Projekt?
Die Rückmeldungen sind außerordentlich positiv. Es gibt großes Interesse und eine hohe Nachfrage nach dem Programm.
Nicht nur die Rückmeldungen der Einrichtungen, sondern auch die Evaluationen zeigen, dass das Programm einen nachhaltigen Veränderungsprozess anstößt, der jedoch für Einrichtungen mit großem Aufwand verbunden ist. Neben dem alltäglichen Betrieb bedeutet die Teilnahme am Programm für Einrichtungen einen herausfordernden Organisationsentwicklungsprozess umzusetzen.
Politisch und medial gibt es viel Aufmerksamkeit für das Programm. Dennoch bleibt es ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man die zertifizierten Einrichtungen mit der Gesamtzahl der Pflegeeinrichtungen in Deutschland vergleicht.

Was gehört zu den größten Herausforderungen aktuell?
Die aktuelle politische Lage zeigt, es erfordert ein kontinuierliches Engagement für Diversitäts- und Diskriminierungssensibilität.
Außerdem fehlt es oft noch an intersektionalen Ansätzen. Unterschiedliche Diskriminierungsformen werden oft isoliert betrachtet, statt sie miteinander zu verknüpfen.
Was wünscht ihr euch von Allies/ Nicht Betroffenen? Was sind eure Erfahrungen wie Nicht Betroffene mit dem Thema umgehen?
Wir wünschen uns, dass die dringende Notwendigkeit von Diversitätssensibilität anerkannt wird. Wichtig ist eine offene Haltung, um die eigenen Positionierungen und Vorannahmen zu reflektieren.
Oft hören wir Widerstände wie:
- „Das gibt es bei uns nicht.“ → Das führt zur Unsichtbarmachung von LSBTI* und Menschen mit Migrationsgeschichte sowie deren spezifischen Bedürfnissen in der Pflege.
- „Wir behandeln alle gleich.“ → Doch Gleichbehandlung allein reicht nicht aus. Menschen sind unterschiedlich und benötigen individuelle Versorgung, die ihre Lebensrealitäten und Biografien berücksichtigt.
Wie kann man euch unterstützen?
- Macht unser Programm durch Werbung und Netzwerkarbeit bekannt.
- Nutzt gerne unsere kostenfreie und für alle Menschen zugängliche E-Learning-Angebote, um Wissen weiterzuverbreiten.
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